Was ist eigentlich die Aufgabe eines Unternehmers?

Eine einfache Frage.

Und trotzdem eine, auf die erstaunlich viele Unternehmer keine klare Antwort haben:

Was ist eigentlich deine Aufgabe im eigenen Unternehmen?

Kunden betreuen?

Angebote schreiben?

Aufträge kontrollieren?

Probleme lösen?

Mitarbeiter einweisen?

Rechnungen prüfen?

Auf der Baustelle einspringen, wenn jemand ausfällt?

Natürlich kann all das notwendig sein.

Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen gehört es zur Realität, dass der Inhaber nicht morgens im Büro sitzt und ausschließlich über Strategie nachdenkt.

Aber nur weil du etwas tun musst, bedeutet das noch lange nicht, dass darin deine eigentliche Aufgabe als Unternehmer besteht.

Und genau diese Unterscheidung geht im Alltag schnell verloren.

Beschäftigt sein fühlt sich nach Leistung an

Ein voller Kalender ist sichtbar.

Ein gelöstes Kundenproblem ist sichtbar.

Ein fertiggestellter Auftrag ist sichtbar.

Ein beantworteter Anruf ist sichtbar.

Unternehmerische Arbeit dagegen ist häufig erstaunlich unsichtbar.

Eine Verantwortung neu zu ordnen, produziert heute keinen zusätzlichen Umsatz.

Einen Mitarbeiter so zu entwickeln, dass er künftig selbst entscheiden kann, dauert zunächst länger, als die Entscheidung einfach selbst zu treffen.

Einen Ablauf neu zu gestalten kostet Zeit, obwohl der alte irgendwie funktioniert.

Sich mit Positionierung, Strategie oder der zukünftigen Entwicklung des Unternehmens auseinanderzusetzen fühlt sich manchmal sogar so an, als würde man gerade nicht arbeiten.

Also gewinnt das Operative.

Fast immer.

Denn dort wartet bereits das nächste Problem.

Das Problem mit der eigenen Arbeitszeit

Hinzu kommt ein Denkfehler, den man in inhabergeführten Unternehmen immer wieder beobachten kann.

Ein guter Mitarbeiter kostet 60.000 Euro im Jahr?

Das wird sehr genau gerechnet.

Eine neue Software kostet monatlich 500 Euro?

Wird geprüft.

Marketing kostet 2.000 Euro?

Muss sich rechtfertigen.

Eine externe Dienstleistung könnte Arbeit abnehmen?

Erst einmal teuer.

Aber wenn der Inhaber selbst jede Woche zehn, zwanzig oder dreißig Stunden mit Aufgaben verbringt, die jemand anderes übernehmen könnte, tauchen diese Stunden auf keiner Rechnung auf.

Also wirken sie kostenlos.

Sie sind es nicht.

Denn die entscheidende Frage ist nicht nur:

„Was kostet es mich, diese Aufgabe abzugeben?“

Sondern auch:

„Was kostet es mein Unternehmen, wenn ich sie weiterhin selbst erledige?“

Das ist ein fundamentaler Unterschied zwischen Kosten- und Investitionsdenken.

Die teuerste Arbeitskraft im Unternehmen

Die Zeit des Unternehmers sollte eigentlich dort eingesetzt werden, wo sie den größten Einfluss auf das gesamte Unternehmen hat.

Nicht zwingend dort, wo er die Aufgabe am schnellsten erledigen kann.

Vielleicht bist du der beste Verkäufer im Unternehmen.

Vielleicht kannst du eine Maschine schneller reparieren als jeder Mitarbeiter.

Vielleicht schreibst du das Angebot in zwanzig Minuten, für das jemand anderes eine Stunde braucht.

Das beweist zunächst einmal nur, dass du darin sehr gut bist.

Es beantwortet aber nicht die Frage, ob du derjenige sein solltest, der diese Aufgabe dauerhaft übernimmt.

Denn während du sie erledigst, passiert etwas anderes nicht.

Niemand beschäftigt sich mit der Frage, warum nur du verkaufen kannst.

Warum nur du diese Maschine reparieren kannst.

Warum Angebote immer über deinen Schreibtisch müssen.

Oder welches Wissen dem Unternehmen fehlt, damit es auch ohne dich funktioniert.

Fachwissen baut einen Betrieb. Unternehmertum baut ein Unternehmen.

Viele Unternehmer im Handwerk und Mittelstand haben ihr Unternehmen aus ihrer fachlichen Kompetenz heraus aufgebaut.

Das ist eine enorme Stärke.

Ohne dieses Wissen gäbe es den Betrieb wahrscheinlich gar nicht.

Aber irgendwann verändert sich die Aufgabe.

Was am Anfang zum Erfolg geführt hat, kann später zum Engpass werden.

Aus dem Menschen, der gute Arbeit leistet, muss zunehmend jemand werden, der dafür sorgt, dass das Unternehmen gute Arbeit leisten kann.

Das ist ein anderer Beruf.

Und genau darin liegt eine der größten Herausforderungen von Unternehmertum:

Niemand kommt morgens vorbei und sagt dir, wann dieser Rollenwechsel stattfinden muss.

Es gibt keinen Tag, an dem auf deinem Schreibtisch ein Schreiben liegt:

Herzlichen Glückwunsch. Ab heute sollten Sie weniger im und mehr am Unternehmen arbeiten.

Der Übergang passiert schleichend.

Oder eben gar nicht.

Was ist dann die Aufgabe eines Unternehmers?

Nicht, nichts mehr selbst zu machen.

Und auch nicht, sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen und anderen beim Arbeiten zuzusehen.

Die Aufgabe eines Unternehmers ist es, die Leistungsfähigkeit seines Unternehmens zu erhöhen.

Dazu gehört, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur das Problem von heute lösen.

Menschen so einzusetzen und zu entwickeln, dass Verantwortung nicht dauerhaft an einer Person hängt.

Strukturen zu schaffen, die Orientierung geben.

Zu entscheiden, welche Kunden zum Unternehmen passen – und welche nicht.

Zu verstehen, wo das Unternehmen Geld verdient und wo Ressourcen verloren gehen.

Zu erkennen, welche Fähigkeiten morgen benötigt werden.

Investitionen zu beurteilen.

Prioritäten zu setzen.

Eine Richtung vorzugeben.

Und immer wieder zu prüfen:

Was braucht dieses Unternehmen als Nächstes, um besser zu funktionieren?

Das Ergebnis unternehmerischer Arbeit ist deshalb nicht nur das, was der Unternehmer selbst produziert.

Das Unternehmen selbst ist ein Teil seines Arbeitsergebnisses.

Mitarbeiter sind nicht nur Kosten

Das verändert auch den Blick auf Personal.

Natürlich kostet ein Mitarbeiter Geld.

Aber die wirtschaftlich relevante Frage endet nicht beim Gehalt.

Was kann das Unternehmen durch diesen Menschen zusätzlich leisten?

Welche Aufgaben können dadurch an der richtigen Stelle erledigt werden?

Welche Entscheidungen müssen nicht mehr beim Inhaber landen?

Welche Kapazität entsteht?

Und wofür kann der Unternehmer die dadurch frei werdende Zeit einsetzen?

Ein kompetenter Mitarbeiter kann teuer sein.

Ein Unternehmer, der dauerhaft Tätigkeiten erledigt, für die seine unternehmerische Kompetenz überhaupt nicht benötigt wird, kann wesentlich teurer sein.

Nur steht dieser Betrag auf keiner Gehaltsabrechnung.

Unternehmerische Freiheit ist kein Selbstzweck

Bei Freiheit denken viele zunächst an Urlaub.

Vier Wochen weg sein.

Das Handy ausschalten.

Nicht erreichbar sein.

Das kann ein Ergebnis sein.

Aber darum geht es eigentlich nicht.

Unternehmerische Freiheit bedeutet zunächst Entscheidungsfreiheit.

Die Freiheit, nicht jeden Tag vollständig vom operativen Geschäft bestimmt zu werden.

Zeit zu haben, über das Unternehmen nachzudenken, bevor äußere Umstände die nächste Entscheidung erzwingen.

Investieren zu können, bevor etwas dringend wird.

Menschen entwickeln zu können, bevor jemand ausfällt.

Marketing aufzubauen, bevor Aufträge fehlen.

Strukturen zu schaffen, bevor Wachstum sie erzwingt.

Freiheit ohne Struktur ist Zufall.

Und ein Unternehmen, das nur funktioniert, solange sein Inhaber permanent verfügbar ist, gibt seinem Eigentümer erstaunlich wenig davon.

Eine andere Frage für morgen früh

Vielleicht ist deshalb die falsche Frage:

„Was muss ich heute alles erledigen?“

Versuch stattdessen einmal:

„Welche meiner heutigen Aufgaben kann wirklich nur ich als Unternehmer übernehmen?“

Nicht als Fachkraft.

Nicht als Problemlöser.

Nicht als derjenige, der es eben am schnellsten kann.

Sondern als Unternehmer.

Und wenn am Ende des Tages wieder zehn Stunden vergangen sind, aber keine einzige davon in die zukünftige Leistungsfähigkeit deines Unternehmens geflossen ist, hast du möglicherweise sehr viel gearbeitet.

Aber kaum an deinem Unternehmen.

Denn die Aufgabe eines Unternehmers ist nicht, für sein Unternehmen unersetzbar zu werden.

Seine Aufgabe ist es, ein Unternehmen aufzubauen, das leistungsfähig wird, ohne von seiner permanenten persönlichen Arbeitsleistung abhängig zu sein.